Ausführliche Darstellung des Konzepts

Aktivierung von Ehrenamtlichen mit Hilfe von Geldern der öffentlichen Hand

Kurzversion (PDF); erstmals wurde dieses Konzept hier veröffentlicht.

Von den Kreisverwaltungen bis hin zur Bundesregierung und EU-Kommission haben alle Ebenen der Politik das Thema MINT-Förderung für sich entdeckt. Durch neue Angebote im schulischen Umfeld sollen diese Fächer für mehr Schüler attraktiv werden. Das Interesse der Schüler wird natürlich nicht nur durch schulische Angebote und Aktivitäten beeinflusst, sondern auch durch die gesellschaftliche Entwicklung. Wie steht die Bevölkerung zu diesen Themen, wie werden Leute eingeschätzt, die sich intensiv damit befassen?

Außerhalb von Schule und Studium stellen Hackerspaces und Makerspaces die wichtigsten Möglichkeiten für Leute mit entsprechendem technischem Interesse dar, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Da Hackerspaces sich – anders als Schulen und Studenteninitiativen – mit einem relevanten Anteil ihrer Aktivitäten an die Öffentlichkeit richten (z.B. Cryptopartys), beeinflussen sie die gesellschaftliche Entwicklung vergleichsweise stark.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hackerspace ist – im Gegensatz zum laienhaften Verständnis des Begriffs – der "offizielle" Ausdruck für absolut seriöse Aktivitäten.

Die Prämisse dieses Konzepts ist, dass zumindest ein relevanter Teil der MINT-Förderer die Ansicht vertritt, dass das Vorhandensein eines Hackerspace der MINT-Förderung in dieser Gegend grundsätzlich förderlich ist.

Verbreitung von Hackerspaces

Es gibt in Deutschland ungefähr 140 Hackerspaces in etwa 70 Städten. Von den 187 größten Städten (50.000+ Einwohner) haben etwa 60 einen Hackerspace. Diese Zahlen sind nicht präzise, weil die verlinkte Übersicht nicht vollständig sein muss und nicht aktuell ist (sie enthält auch Verweise auf offenbar inaktive Organisationen).

Die MINT-Förderer könnten für sich das Ziel festlegen, dass es in jeder Stadt mit z.B. mindestens 50.000 Einwohnern oder in deren näheren Umgebung einen Hackerspace geben soll, und sich bereit erklären, dessen Gründung (nicht aber den späteren Betrieb) finanziell und durch die Generierung öffentlicher Aufmerksamkeit zu unterstützen.

Karte mit den Städten über 50.000 Einwohnern und den Hackerspaces in Deutschland

Herausforderungen bei der Gründung eines Hackerspace

Ein "richtiger" Hackerspace besteht aus

Es ist allerdings nicht erforderlich, kurzfristig dieses Ideal zu erreichen. Eine Gruppe von Aktiven kann sich über Jahre diesem Ziel annähern. Die Vorbereitungsphase ist nicht mit relevanten Kosten verbunden.

Das Hauptproblem ist dasselbe wie bei jedem anderen Verein o.Ä.: Man muss eine kritische Masse an Leuten mit ähnlichen Interessen zusammenbekommen, die lange genug durchhält, also sich nicht gleich auflöst, wenn ein, zwei Leute sich aus dem Projekt verabschieden.

Wie groß diese kritische Masse ist, lässt sich nicht präzise sagen, zumal das von den finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten der Mitglieder abhängt. In den meisten Vereinen gibt es eine große Gruppe von passiven Mitgliedern, die aber immerhin die Finanzierung erleichtern. Für einen realistischen Gründungsversuch sollte man zehn Aktive haben. Man darf nicht erwarten, dass sich alle, die grundsätzliches Interesse bekunden, dann auch beteiligen (und sei es nur als passives Mitglied). Für den Start sollte man deshalb eine Gruppe von 30 bis 50 Leuten haben, die ihr grundsätzliches Interesse bekundet haben.

Das zu lösende Hauptproblem, wenn man die Gründung weiterer Hackerspaces erreichen möchte: Wie bringt man Gruppen dieser Größe zusammen?

Aufmerksamkeit durch Werbung

Der wirksamste und mit minimalem Aufwand organisierbare Ansatz, um in einer Region potentielle Mitgründer zu finden, ist Werbung. Alles, was man dafür benötigt, ist Geld. Welchen Betrag man dafür realistischerweise ansetzen muss, ist noch unklar. Im Gegensatz zu kommerzieller Werbung darf man allerdings davon ausgehen, dass die Zielgruppe nicht erst vielfach mit der Werbung konfrontiert werden muss, bevor sie handelt, weil ihr hier eine "einmalige" Gelegenheit geboten wird, eigene Wünsche umzusetzen. Wer sich vorstellen kann, zur Gründung eines Hackerspace in seiner Umgebung beizutragen, der wird auf die Werbung schon beim ersten Kontakt reagieren. Außerdem darf man darauf hoffen, dass Leute, die als "Nerds" bekannt sind, von anderen auf diese Werbung angesprochen werden: Hast Du mitbekommen, dass jemand hier einen Verein für Leute wie Dich gründen will?

Wahrscheinlich kann man mit einem Budget von 500 bis 1000 EUR pro Stadt schon eine Menge bewirken. Die MINT-Förderer werden ihr Engagement natürlich davon abhängig machen, welcher Betrag pro Stadt angesetzt werden muss. Deshalb ist es sinnvoll, vor dem Versuch einer flächendeckenden Umsetzung einen MINT-Förderer als Testpartner zu gewinnen, der einige Städte in seinem Einzugsbereich hat, also eine Landesregierung oder die Bundesregierung. Dann könnte man in einer oder wenigen Städten testen, welches Budget und welcher qualitative Einsatz der Mittel zu welchem Ergebnis führt.

Wenn man von 100 Städten und 1000 EUR pro Stadt ausgeht, ist die Gesamtsumme gemessen an den Beträgen, die ansonsten für Fördermaßnahmen ausgegeben werden, und der Menge an Trägern, die dafür in Frage kommen, um gemeinsam diesen Betrag aufzubringen, beinahe lächerlich gering, so dass es durchaus sein kann, dass auch ohne Vorabtest genug Geld für ein Bundesland oder der ganze Bundesrepublik zur Verfügung gestellt wird. Es wäre nicht einmal nötig, dass dieses Geld an eine Organisation ausgezahlt wird. Die MINT-Förderer können die Anzeigen natürlich auch selber schalten.

weitere Unterstützung

Organisatorisch kann man von außen nicht viel tun, um die Gründung eines Hackerspace zu unterstützen, jedenfalls nicht ohne erheblichen Zeitaufwand; und es ist nicht ersichtlich, wer den leisten könnte. Es gibt allerdings zwei Maßnahmen, die mit wenig Aufwand verbunden sind und in der Anfangsphase eine große Hilfe wären.

Mailinglisten

Werbung allein bringt die Interessenten noch nicht zusammen. Deshalb sollte vor jeder Werbeaktion für die jeweilige Region eine Mailingliste eingerichtet werden, auf die die Werbung verweist. Darüber können die Interessenten dann alles weitere selber regeln.

Da viele Leute sowieso schon zu viele Mails bekommen und nicht jeder Interessent auch alle Diskussionen im Vorfeld im Detail mitbekommen möchte, erscheint es sinnvoll, gleich zwei Listen einzurichten: eine, auf der diskutiert werden kann und die deshalb potentiell ein hohes Mailvolumen hat, und eine, über die nur konkrete Ankündigungen oder andere wichtige Mitteilungen verschickt werden (und die deshalb nicht jeder beschreiben kann), etwa für Treffen.

ein Metaverein als Dienstleister

Grundsätzlich möchte man eher keinen Verein gründen, wenn es nicht unbedingt nötig ist, denn damit ist neben gewissen Kosten bürokratischer Aufwand verbunden, auf den normalerweise niemand Lust hat.

Um die Entwicklung an einem Standort nicht dadurch zu behindern, bietet es sich an, einen (nicht zwangsläufig gemeinnützigen) Metaverein zu gründen, der einer Gruppe die Formalitäten abnimmt, solange sie keinen eigenen Verein gründet.

Die Interessenten könnten dann (nicht stimmberechtigtes) Mitglied in dem Metaverein werden, ihre Mitgliedsbeiträge, das Sponsoring und die Spenden, die sie möglicherweise akquirieren, würden dann (abzüglich der anteiligen Kosten für den Metaverein) als Budget für diesen Standort behandelt. Die Mehrheit der Aktiven (die man irgendwie von den passiven Mitgliedern abgrenzen müsste), könnte dann entscheiden, was mit dem Geld passieren soll.

Die praktische Handhabung sähe wohl so aus, dass jedes Mitglied bei seinem Eintritt ein OpenPGP-Zertifikat angeben müsste. Der Metaverein würde dann solche Anweisungen akzeptieren, die von der Mehrheit der Aktiven kryptografisch unterschrieben wurden. Das lässt sich leicht automatisieren. Und natürlich kann man von Leuten, die einen Hackerspace gründen wollen, erwarten, dass sie das können oder lernen, auch wenn sie E-Mail-Verschlüsselung nicht benutzen.

Wenn zu viel Arbeit dieser Art anfällt, muss der Metaverein ggf. jemanden dafür bezahlen (Aufwandsentschädigung für das zuständige Mitglied, einen Angestellten oder einen Dienstleister).

Dieser Metaverein würde voraussichtlich in Berlin von Mitgliedern der Berliner Linux User Group gegründet.

Austausch der Standorte untereinander

An vielen Standorten werden die Interessenten ähnliche Probleme haben. Deshalb würde man außerdem eine Mailingliste einrichten, die (um das Mailaufkommen im Rahmen zu halten) pro Standort nur von einer oder zwei Personen beschrieben werden könnte. Auf dieser Liste könnten sich diejenigen, die die Hackerspace-Gründung am stärksten vorantreiben, untereinander über Probleme und Lösungsansätze austauschen. Daraus würde vermutlich ein Wiki o.Ä. entstehen. Man würde außerdem versuchen, ein paar Externe mit entsprechender Erfahrung auf diese Liste zu bekommen.

Ablauf

  1. Ansprechpartner

    Zunächst würde man versuchen über die üblichen Kanäle der Szene Kontakt zu einzelnen Leuten, die zu entsprechendem Engagement bereit sind, in den ins Auge gefassten Städten zu bekommen. Das sollte kein großes Problem sein.

  2. Vorbereitung

    Diese Ansprechpartner würden dann relevante Personen und Organisationen kontaktieren. Sie könnten beispielsweise versuchen, Sponsoren zu akquirieren, damit in größerem Umfang Werbung geschaltet werden kann. Sie könnten auch darum bitten, in Geschäften und anderen (mehr oder weniger) öffentlichen Räumlichkeiten für ein, zwei Wochen einen entsprechenden Hinweis anbringen zu dürfen.

    Das könnten sie natürlich auch alles aus eigenem Antrieb machen, aber die große Motivation dazu dürfte erst von der Aussicht ausgelöst werden, durch die anschließende Werbung wirklich gute Aussichten zu haben, das Projekt erfolgreich umsetzen zu können.

  3. Presse

    Die Ansprechpartner würden auch die Lokalpresse animieren, über das Vorhaben zu berichten. Vermutlich ist der beste Zeitpunkt dafür kurz nach der Werbephase.

positive externe Effekte

Berichterstattung

Der Ansatz dieses Vorschlags ist die Generierung von Aufmerksamkeit. Das ist mittels Werbung nicht am einfachsten und nicht am effektivsten, aber am besten zu kontrollieren.

Wenn man diese Aktion nicht über einen längeren Zeitraum streckt (was für die Organisatoren am einfachsten wäre), sondern sie bundesweit einigermaßen gleichzeitig stattfindet, womöglich sogar in mehreren europäischen Ländern, dann besteht eine realistische Chance, dass überregionale Medien über das Projekt berichten – insbesondere, wenn Landesregierungen und / oder die Bundesregierung explizit dahinter stehen.

staatliches "Gütesiegel" als Türöffner

Wenn Landesregierungen und / oder die Bundesregierung die Aktion offen unterstützen, mag das beim Umgang mit staatliches Stellen helfen, die für einen Hackerspace in der Gründungsphase hilfreich sein könnten, etwa Volkshochschulen (die Räumlichkeiten für Treffen zur Verfügung stellen können) und Schulen (v.a. solche ohne Informatik-Angebote).

Linux Presentation Day

Hackerspaces bestehen nicht nur aus Linux-Nutzern, aber die sind dort massiv überrepräsentiert. Viele Hackerspaces beteiligen sich am Linux Presentation Day, der zweimal pro Jahr stattfindet. Es hat sich gezeigt, dass der LPD eine gute Gelegenheit ist, neue Aktive für einen Veranstalterverein zu gewinnen – oder um überhaupt erst eine Linux User Group (im weiteren Sinn einen Hackerspace) zu gründen.

Deshalb kann man die Versuche, einen Hackerspace zu gründen und eine LPD-Veranstaltung zu organisieren, dahingehend kombinieren, dass man beides gleichzeitig anstößt. Ein gemeinsames durchgeführtes Projekt verbindet auf der persönlichen Ebene. Linuxer, die kein großes Interesse an der Gründung eines Hackerspace haben, mögen dadurch der Gruppe verbunden bleiben und sich da auch aktiv einbringen, weil die Beteiligung eines Hackerspace die Durchführung des LPD erleichtert.

Wiederholung

Vermutlich wird der Versuch, einen Hackerspace zu gründen, in manchen Städten gelingen, in anderen nicht, und sei es rein zufällig. Vermutlich wird man nach einem großzahligen Versuch einigermaßen einschätzen können, was die Gründe für die unterschiedlichen Effekte in unterschiedlichen Städten sind.

Wenn die MINT-Förderer gewillt sind, weitere Versuche zu unternehmen, spricht nichts dagegen, nach ein oder zwei Jahren noch mal eine Werbeaktion in einer Stadt zu starten. Grundsätzlich wären die Wiederholungen mit geringeren Gesamtkosten verbunden, weil für die Städte, in denen das Projekt gut angelaufen ist, keine Kosten mehr anfallen. Andererseits könnte sich zeigen, dass man in den anderen Städten vor allem ein höheres Budget benötigt.

Wenn man abschätzen kann, dass die Bedingungen in einer Stadt ungünstig sind, dann dürfte es sinnvoll sein, mit dem ersten Versuch so lange zu warten, bis ein ausreichend groß erscheinendes Budget dafür zur Verfügung steht, weil es passieren kann, dass diejenigen (die zu wenigen), die man im ersten Versuch erreicht, durch ein Scheitern demotiviert werden und deshalb beim Folgeversuch nicht mehr dabei wären (oder sich nur noch als passive Mitglieder einbringen, aber nicht als Organisatoren der Gründung).